Zauber der Raunächte
Die Raunächte sind eine Schwellenzeit zwischen dem alten und dem neuen Jahr.
Die Raunächte galten bei unseren Vorfahren als heilige bzw. geweihte Nächte, die sogenannten „wijhen nachte“.
Eingeläutet wurden die Raunächte seit christlicher Zeit mit der „Heiligen Nacht“. An dunklen, kalten Wintertagen bot sich reichlich Gelegenheit, Zeit mit der Familie zu verbringen, sich zu besinnen, Geschichten zu erzählen und die Weichen für die Zukunft neu zu stellen.
Und man konnte lauschend und spürend Kontakt zu der Welt der Ahnen, Geister und Naturwesen aufnehmen und „die Zeichen deuten“.
Die Dauer von 11 Tagen und 12 Nächten entstammt der Differenz zwischen dem Mondkalender (354 Tage) und dem Sonnenkalender (365 Tage). Man geht von 12 Raunächten aus, und diese Zeit wird immer von Nacht zu Nacht gezählt, also von 0.00 Uhr bis 24.00 Uhr.
In den Raunächten schaut man auf das vergangene Jahr zurück, drückt seine Dankbarkeit aus und verabschiedet es, außerdem orakelt und beräuchert man das kommende Jahr.
Jede dieser Raunächte steht für einen Monat des kommenden Jahres; somit steht die erste Raunacht, die durchgeführt wird, für den Januar, die zweite für den Februar und so fort.
Das Räuchern ist in den Raunächten ein besonders gern zelebriertes Brauchtum.
Das Räuchern reicht weit in die vorchristliche Zeit: Die Menschen erlebten die längsten Nächte des Jahres ohne elektrisches Licht, ohne TV oder andere Beschallung, welche die Nacht zum Tag machte.
Stattdessen erinnerte das Geheul von Winterstürmen an die „wilde Jagd“ von Wotan, oder Precht oder Frau Holle. Man wollte sich selbst, die Familie und Hofgemeinschaft vor diesen Dämonen schützen. Man räucherte, dass die Geister sich nicht in den Häusern einnisteten.
Wenn man im vorigen Jahr Streit und Krankheit, vielleicht auch Tod erlebt hatte, wollte man das Haus von Schmutz, Unrat sowie von negativen Energien reinigen. Die sogenannte „energetische Hausreinigung“ wird auch heute noch durchgeführt. Individuell geht man auf die Bedürfnisse oder Vorkommnisse des Hauses ein. Man geht durch alle Räume und stellt die Kräuter und das Räucherwerk zusammen.
Was bringt die Zukunft?
Unsere Vorfahren beobachteten in den Raunächten buchstäblich alles.
Allem, auch wenn es noch so unwichtig erschien, wurde eine Bedeutung zugeschrieben und wurde notiert: das Wetter, wie das Essen geschmeckt hat, ob gestritten wurde oder ob es friedlich zuging. Ob an diesem Tag alles glatt lief oder es Probleme gab.
Auch heute noch versucht man in den Raunächten, einen Blick in die Zukunft zu erhaschen, und viele Menschen gehen dabei genauso vor wie unsere Ahnen. Andere pflegen zwar noch das Bleigießen an Silvester, nehmen dessen Ergebnisse aber nicht allzu ernst.
In vielen Familien gehören zudem kleine Rituale dazu, die den Tagen Struktur geben und den Übergang markieren. Manche entzünden jeden Abend eine Kerze und halten fest, welche Stimmung den Tag geprägt hat. Andere räuchern ihre Räume und sortieren alte Unterlagen aus, weil sie die Zeit als Phase des Klärens und Neuordnens verstehen. So entsteht ein persönliches Ritual, das alte Vorstellungen aufgreift und zugleich in den Alltag passt.
Alten Überlieferungen zufolge sollen die finsteren Mächte in den Raunächten mächtig sein.
Seelen können angeblich wiederkehren, Geister können erscheinen, Dämonen übernehmen Haus und Hof.
Daraus folgten viele Verhaltensregeln, die sich über die Jahrhunderte gehalten haben, wie z.B. dass man zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche aufhängen soll. Denn die wilden Heere könnten sich darin verfangen, oder Odin und Frau Holle könnten ein Wäschestück mitnehmen und daraus ein Leichentuch für den Besitzer machen.
Alle Räder auf den Höfen standen still; denn die Menschen waren davon überzeugt, dass die Schicksalsgöttinnen die Schicksalsfäden für das neue Jahr spinnen. Aus Ehrfurcht vor dieser Arbeit und um das Schicksal nicht zu beeinflussen, wurde traditionell das Weben und Spinnen in dieser Zeit eingestellt
Früher veranstaltete man zu Silvester lärmende Umzüge, um das Alte zu vertreiben, heute wird geknallt, um die Geister zu vertreiben und das Neue zu begrüßen.